Der Deutsche

…meldet sich zu Wort. Mit zunehmendem Interesse lese ich den Blog der Amerikanerin und erkenne, dass Stil und Geschmack hervorragende Transporteure von Weltanschauung und Humor sind.

Bei der Erklärung der Welt aus der Frosch- in die Vogelperspektive zu wechseln, macht nicht nur aus Gründen der klaren Rangordnung in der Nahrungskette Sinn. Als Deutscher und als Vertreter des technisch-mechanistischen Weltbildes versuche ich mir kulturelle Unterschiede anhand von geschlossenen Theorien zu erklären. Zunächst also ein Blick auf die logistischen Vorgänge:

Beim Einkaufen beweisen sich die Unterschiede in der kulturellen Dimension “Indivduality” *): Der Weg des Deutschen zur zunehmend international erfolgreichen Supermarktkette ist begleitet von der kollektiven Einsicht, dass diese keine Notlösung für Schlechtverdiener ist, sondern das Ergebnis von Effizienz und Gründlichkeit gepaart mit gesundem betriebswirtschaftlichen Handeln. Der Deutsche akzeptiert dabei, dass die Qualität im produktionstechnischen Sinn definiert ist als “bestmöglich in Bezug auf den Preis” und dass ein hoher Quotient nur durch maximale Effizienz in der Bewirtschaftung der Verkaufsfläche erreicht wird. Insofern wird auch hingenommen, dass der Mangel an Servicequalität systemimmanent ist und den höheren Zielen zum Opfer fällt.

Der durchschnittliche Amerikaner schätzt das “Whole Foods” Imperium und die unendlichen Tiefen dessen Angebotes und bestätigt damit beeindruckend die hohe Punktzahl beim Wert “Individuality”. In diesem Wert unterscheiden sich Deutsche und Amerikaner im 5D-Modell *) am deutlichsten. Klar, dass ein irrsinniges Produktangebot auch zu Lasten Dritter gehen kann was insofern auch ein wenig den leichten Abfall des durchschnittlichen Amerikaners beim Wert bei “LTO Long Term Pragmatic” *) durchscheinen lässt.
Bleibt zu erwähnen, dass die amerikanische Hauptprotagonistin dieses Blogs zwar Individualität schätzt, diese aber nie fraglos der schlechten CO2 Bilanz eines übertriebenen Produktangebotes opfert. Beweis ist, dass wir seit Monaten nie mit dem Auto zum Einkaufen gefahren sind was sicher auch an der logistisch und kulinarisch zentralen Lage unserer Küche liegt.

Nun zur Durchführung: Genuss ist hoch im Kurs und wir haben schon einige wundervolle Erlebnisse gehabt. Die Amerikanerin kann kochen wie der Teufel und das ganze ohne Unfälle! Als Anerkenntnis meiner gelegentlichen Anstrengungen und im Zeichen höchsten Understatements verdiene ich mir dann ein besonderes Lob: “Du kochst vorzüglich Eier”. Ich bin mir sicher, dass ich gute Anlagen habe ein berühmter Koch zu werden.
Hier ist der höhere Wert des Deutschen in der vierten kulturellen Dimension “UAI =Uncertainty Avoidance” gegenüber der Amerikanerin zu erklären, die Ihre Stärken voll ausspielen kann und Expertise und Passion mit dosiertem Risiko kombiniert und sich eindeutig im Cluster 1 “Contest” *) bewegt.
Der Deutsche dagegen zelebriert Spaghetti mit Knoblauch und Olivenöl (in vielen Italienurlauben gründlich erlernt) und ordnet sich damit klar ein im Cluster 6 “well-oiled machine” *).

Wenn man sich die Welt einer neuen Sprache aus der Gourmet-Perspektive erschließt, nimmt das manchmal lustige Wendungen wie neulich auf Sylt:
Häuser sind in Norddeutschland häufig aus rotem Ziegel gebaut. Als Süddeutscher muss ich anerkennen, dass sich diese Farbgebung besonders gut gegen den oft mehr grauen als blauen norddeutschen Himmel abhebt. Dabei unterscheiden sich einzelne Ziegelsteine mit einer farblichen Stufung von rosa über dunkelrot bis braun. Die Amerikanerin bezeichnet diesen Baustil pragmatisch als “Hackfleischhaus”.

Ein andere, gerade noch nicht gesundheitsgefährliche Episode: Aus der Dusche schlendernd fragte mich die Amerikanerin neulich ob das Duschbad in Geschmacksnote “Zitrone” wirklich ein solches sei. Es war kein Duschbad sondern “Viss Scheuermilch”. Wir haben also beschlossen, dass die Amerikanerin nun Deutsch lernt. Dass es gleich ein obligatorischer Integrationskurs werden muss, entspringt ebenfalls dem hohen Wert von UAI *) des deutschen Behördenapparates, ist aber, wie die anderen kulturellen Unterschiede, keinerlei Hindernis für uns.

Der Deutsche

*)

Wer mehr über das “5-D Modell” nach Gert Hofstede und meine Übertragungen in die Nahrungskette nachvollziehen möchte, dem sei der Link anbei empfohlen.

http://www.berlitzonline.com/catalog/htmlincludes/GlobalDivDemo/media/9080/addcontent/Pocket_Guide.pdf

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